Erhöhen Süßstoffe wie Aspartam das Krebs-Risiko?

Zucker wird häufig durch Süßstoffe ersetzt – besonders in Light-Produkten wie Cola Zero, Süßwaren und Kaugummis. Gleichzeitig hält sich hartnäckig der Vorwurf, dass Süßstoffe wie Aspartam krebserregend sind. Doch stimmt das wirklich? Wir haben uns die wichtigsten Studien angesehen und für dich zusammengefasst.

Süßstoff Aspartam auf einem Löffel
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Das Wichtigste auf einen Blick:

  •  Durch eine Studie des Neuropathologen John Olney geriet der Süßstoff Aspartam 1996 in die Schlagzeilen: Angeblich sollte er das Risiko für Hirntumore erhöhen. Doch an der Studie wurden zahlreiche Mängel festgestellt.
    Zur den Hintergründen
  • Auch 2005 kochte die Debatte noch einmal hoch, als eine Studie an Ratten den Verdacht, dass Süßstoffe Krebs auslösen könnten, bekräftigte. Wieder gab es zahlreiche Kritikpunkte an der Studie.
    Zu den Hintergründen
  • Die heutige Studien-Lage weist mehrheitlich darauf hin, dass es keine Verbindung zwischen Süßstoffen und einem höheren Krebs-Risiko gibt. Allerdings reicht die Qualität der Studien nicht aus, um eine krebserregende Wirkung mit Sicherheit auszuschließen.
    Zu den Studien
  • Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit stuft die derzeit zulässige Aufnahmemenge als sicher ein: Maximal 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag.

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Süßstoffe als Zucker-Ersatz

Zucker wird gerne durch Süßstoffe wie Aspartam, Cyclamat, Erythrit oder Xylit ersetzt, um zum Beispiel abzunehmen oder Karies zu vermeiden. Die Süßstoffe haben in der Regel nur wenige oder gar keine Kalorien und erzeugen seltener Zahnprobleme oder wirken sogar kariesvorbeugend (Xylit). In der Lebensmittel-Industrie werden Süßstoffe vor allem in Diät- oder Light-Produkten wie „Coca‑Cola Zero Zucker“, „Coca‑Cola light“ oder anderen zuckerfreien Produkten eingesetzt. Zunächst als vermeintlich gesündere Alternativen gefeiert, gerieten vor allem die klassischen Süßstoffe wie Aspartam in Verruf, Krebs zu verursachen. Doch stimmt das wirklich?

Dazu müssen wir vorab Zuckeralkohole wie Xylit (Birkenzucker), Sorbit oder Erythrit von „klassischen“ Süßstoffen wie Aspartam, Cyclamat, Acesulfam oder Saccharin unterscheiden. Zu den Zuckeralkoholen gibt es nämlich bislang kaum Studien, die den Zusammenhang mit Krebs untersucht haben. Anders sieht es bei den klassischen Süßstoffen aus, bei denen vor allem Aspartam (E 951) im Fokus steht.

Debatte in den 1990ern: Ist Aspartam krebserregend?

Schon in den 1990er Jahren war die Diskussion um krebserregende Süßstoffe ein großes Medien-Thema. 1996 legte der Psychiater und Neuropathologe John Olney eine Studie vor, in welcher der Zusammenhang zwischen dem Süßstoff Aspartam und Hirntumoren untersucht wurde.1) Er griff dabei auf Daten des Nationalen Krebsinstituts der USA von 1975 bis 1992 zurück, die etwa 10 Prozent der amerikanischen Bevölkerung repräsentierten. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Aspartam zur Krebsentstehung beitragen oder sogar Krebs auslösen könnte. In den Medien sorgte das für großen Wirbel und bei der Bevölkerung für Verunsicherung.

Kritik an Olneys Aspartam-Studie

Schon bald musste hier allerdings zurückgerudert werden: Erstens war Olneys Studie sehr anfällig für Störfaktoren und nicht in der Lage, eine Ursache-Wirkung-Beziehung zu belegen. Zweitens war die Hirntumor-Rate in den USA bereits seit 1973 angestiegen – als Aspartam noch gar nicht auf dem Markt war. Drittens ergab eine Auswertung der Europäischen Kommission 1997, dass die zusammengefassten Resultate der damals verfügbaren Studien keinen Zusammenhang zwischen dem Süßstoff Aspartam und Hirntumoren nahelegen.

2005: Süßstoffe erneut in den Schlagzeilen

2005 brachte eine Studie der Europäische Stiftung für Onkologie und Umweltforschung den Süßstoff abermals in die Schlagzeilen: Eine Untersuchung an Ratten schien einen direkten Zusammenhang zwischen der Einnahme von Aspartam und bestimmten Krebserkrankungen nahezulegen.2) Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nahm sich die Studie anschließend vor und stellte zahlreiche Mängel fest: Es fehlten Datensätze und die Ergebnisse wurden missinterpretiert. Brustkrebs komme bei Ratten beispielsweise generell häufig vor und die übrigen Tumoren seien vor allem auf chronische Lungenentzündungen zurückzuführen.3) Auch das Nationale Krebsinstitut der USA schloss sich 2006 dieser Einschätzung an, dass es keinen Beleg dafür gebe, dass Aspartam Krebs fördere.4)

Studien-Lage heute: Verursachen Süßstoffe Krebs?

Geklärt war dieses Streitthema damit allerdings nicht. Die Europäische Stiftung für Onkologie und Umweltforschung legte 2010 eine weitere Studie an Ratten vor, um ihre These zu bekräftigen.5) Wieder gab es Kritik an der Studie. Um dieses Streit-Thema zu klären, müssen wir uns also den heutigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis genau ansehen.

Dazu begutachten wir Meta-Analysen und Systematische Übersichtsarbeiten, denn hier werden die Ergebnisse mehrerer Studien analysiert und zusammengefasst. So wurden in einer Meta-Analyse 2015 zehn Aspartam-Untersuchungen an Nagetieren ausgewertet.6) Das Ergebnis: Es gibt keinen signifikanten Hinweis darauf, dass Aspartam krebsfördernd sein könnte. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine systematische Übersichtsarbeit von 2019.7)

Allerdings sind Ergebnisse an Nagetieren wie Ratten oder Mäusen nicht direkt auf den Menschen übertragbar. Das gilt sowohl für die Studien, die bei Ratten eine krebsfördernde Wirkung von Süßstoffen nahelegen, als auch für die Übersichtsarbeiten, die keinen Zusammenhang finden.

Süßstoff-Studien an Menschen?

Zuverlässige Studien an Menschen mit hoher Beweiskraft findet man allerdings vergeblich. Das hat mit ethischen Gründen zu tun, denn wenn der Verdacht besteht, dass Süßstoffe wie Aspartam Krebs erzeugen könnten, darf man Menschen nicht einfach zu Studienzwecken Aspartam verabreichen. Allerdings gibt es Studien an Menschen, die zumindest die gesundheitlichen Auswirkungen von Lebensmitteln (vor allem Diät-Limonaden) mit künstlichen Süßstoffen untersucht haben. 2019 wurden hier in einer Übersichtsarbeit die wichtigsten Studien zusammengefasst.8) Das Ergebnis lautete abermals, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Süßstoffen wie Aspartam um einem höheren Krebsrisiko gebe. Zuvor wurde das bereits in einer weiteren Übersichtsarbeit 2016 festgestellt.9)

Schwachstellen der aktuellen Studien

Ist damit also alles klar und Süßstoffe wie Aspartam sind nicht krebserregend? So einfach ist das leider nicht, denn die Qualität der bisherigen Studien ist dazu einfach zu schwach. Das sind die drei wichtigsten Schwachpunkte:

  1. Die Studien sind fast ausschließlich Beobachtungsstudien. Diese Studienart ist nicht in der Lage, eine Ursache-Wirkung-Beziehung zu beweisen. Die Ergebnisse könnten verzerrt sein.
  2. Die meisten Studien basieren auf  der Selbstauskunft der Studien-Teilnehmer*innen: Ob sie ihren Süßstoff-Verzehr immer korrekt angegeben haben, lässt sich nicht sicher sagen.
  3. Viele Studien haben die Wirkung von Süßstoffen in Getränken untersucht. Dadurch wird es aber sehr schwer, die Wirkung nur eines einzelnen Inhaltsstoff herauszufiltern. Ob die beobachteten (Nicht-)Effekte dann tatsächlich auf den Süßstoff zurückzuführen sind, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden.

Wir wissen somit nicht genau, ob Süßstoffe wie Aspartam tatsächlich nicht krebserregend sind. Umgekehrt gilt das jedoch auch: Für die These, dass Süßstoffe Krebs auslösen könnten, gibt es noch weniger Substanz. Denn die Studien, auf die sich Kritiker*innen berufen, sind fast ausschließlich Untersuchungen an Ratten und nicht an Menschen. Zusätzlich haben sie ähnliche Mängel, wie die hier aufgeführten.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit veröffentlichte 2013 außerdem eine der umfangreichsten Risikobewertungen zu Aspartam, die je durchgeführt wurden. Nach eingehender Analyse aller verfügbarer Daten kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die derzeit zulässige tägliche Aufnahmemenge von 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht sicher ist. Ausgenommen sind davon Menschen, die an der Krankheit Phenylketonurie (PKU) leiden.

Fazit: Sind Süßstoffe wie Aspartam krebserregend?

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass wir aufgrund der aktuellen Studienlage nicht mit Sicherheit sagen können, ob Süßstoffe wie Aspartam krebserregend sind oder nicht. Allerdings weisen die meisten Studien an Menschen darauf hin, dass das eher unwahrscheinlich ist. Die deutschen Ärzte Martin Weihrauch und Volker Diehl fassen das in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Annals of Oncology“ folgendermaßen zusammen: „Da viele künstliche Süßstoffe in den heutigen Produkten kombiniert werden, ist das karzinogene [krebserzeugende] Risiko einer einzelnen Substanz schwer zu beurteilen. Das mögliche Risiko von künstlichen Süßstoffen, Krebs zu induzieren, scheint jedoch nach der aktuellen Literatur vernachlässigbar zu sein.“10)

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Quellen & Studien zu diesem Artikel

  • 1) Olney JW et al.: Increasing brain tumor rates: is there a link to aspartame? J Neuropathol Exp Neurol. 1996 Nov; 55 (11): 1115-23. DOI: 10.1097/00005072-199611000-00002
  • 2) Soffritti M, Padovani M, Tibaldi E, Falcioni L, Manservisi F, Belpoggi F. The carcinogenic effects of aspartame: The urgent need for regulatory re-evaluation. Am J Ind Med. 2014 Apr; 57 (4): 383-97. DOI: 10.1002/ajim.22296
  • 3) EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS): Updated opinion on a request from the European Commission related to the 2nd ERF carcinogenicity study on aspartame, taking into consideration study data submitted by the Ramazzini Foundation in February 2009, 26. Mai 2009. DOI: 10.2903/j.efsa.2009.1015
  • 4) Lim U, Subar AF, Mouw T, Hartge P, Morton LM, Stolzenberg-Solomon R, Campbell D, Hollenbeck AR, Schatzkin A. Consumption of aspartame-containing beverages and incidence of hematopoietic and brain malignancies. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2006 Sep; 15 (9): 1654-9. DOI: 10.1158/1055-9965.epi-06-0203
  • 5) Soffritti M, Belpoggi F, Manservigi M, Tibaldi E, Lauriola M, Falcioni L, Bua L. Aspartame administered in feed, beginning prenatally through life span, induces cancers of the liver and lung in male Swiss mice. Am J Ind Med. 2010 Dec; 53 (12): 1197-206. DOI: 10.1158/1055-9965.epi-06-0203
  • 6) Mallikarjun S, Sieburth RM. Aspartame and Risk of Cancer: A Meta-analytic Review. Arch Environ Occup Health. 2015; 70 (3): 133-41. DOI: 10.1080/19338244.2013.828674
  • 7) Haighton L, Roberts A, Walters B, Lynch B. Systematic review and evaluation of aspartame carcinogenicity bioassays using quality criteria. Regul Toxicol Pharmacol. 2019 Apr; 103: 332-344. DOI: 10.1016/j.yrtph.2018.01.009
  • 8) Haighton L, Roberts A, Jonaitis T, Lynch B. Evaluation of aspartame cancer epidemiology studies based on quality appraisal criteria. Regul Toxicol Pharmacol. 2019 Apr; 103: 352-362. DOI: 10.1016/j.yrtph.2019.01.033
  • 9) Bernardo WM, Simões RS, Buzzini RF, Nunes VM, Glina F. Adverse effects of the consumption of artificial sweeteners – systematic review. Rev Assoc Med Bras (1992). 2016 Apr; 62 (2): 120-2. DOI: 10.1590/1806-9282.62.02.120
  • 10) Weihrauch MR, Diehl V. Artificial sweeteners – do they bear a carcinogenic risk? Ann Oncol. 2004 Oct; 15 (10): 1460-5. DOI: 10.1093/annonc/mdh256

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Aktualisiert am 13.02.2021

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