Schützt Kaffee vor Alzheimer und Demenz?

Wäre es nicht schön, wenn die tägliche Tasse Kaffee auch noch vor Demenz und Alzheimer schützen würde? Tatsächlich gibt es einige Studien, die genau das zu belegen scheinen. Doch wie zuverlässig sind diese Studien? Kann Kaffee wirklich gegen Alzheimer und Demenz schützen?

Aktualisiert am 29.06.2020

Ein alter Mann mit Alzheimer sitzt in einem Café und trinkt Kaffee
(c) Soragrit Wongsa | unsplash.com

Eine renommierte Zeitung verspricht, dass fünf Tassen Kaffee vor Alzheimer schützen könnten, und beruft sich auf eine Studie. Kann das stimmen?

Lesezeit:

In 4 Minuten erfährst du, ob Kaffee vor Alzheimer schützt

In nur 4 Minuten Lesezeit erfährst du, ob Kaffee vor Alzheimer und Demenz schützen kann. Falls du es sehr eilig hast und dir selbst vier Minuten zu lang sind, kannst du direkt zu unserem Fazit springen.

Fünf Tassen Kaffee gegen Alzheimer?

Als ich die Überschrift “Fünf Tassen Kaffee gegen Alzheimer” in der Online-Ausgabe einer renommierten Wochenzeitung lese, schmeckt mir mein morgendliches Tässchen Espresso gleich noch besser. Natürlich weiß ich, dass solche Schlagzeilen meist nicht das halten, was sie versprechen, aber da es in meiner Familie selbst zwei schwere Alzheimer-Fälle gab, bin ich doch neugierig. Sollte mein regelmäßiger Kaffee-Konsum eine unbewusste Vorbeuge-Maßnahme gegen den Gedächtnisverlust sein?

Zunächst bekommt meine Neugierde aber einen kleinen Dämpfer: Hinter der vielversprechenden Überschrift stecken lediglich zwei Studien an Mäusen, deren Koffein-Konsum auf den Menschen umgerechnet wurde. “Mal wieder typisch“, denke ich, „Hauptsache, die Schlagzeile stimmt.“ Doch mein Ehrgeiz ist dennoch geweckt: Gibt es auch Studien an Menschen, die die Wirkung von Kaffee auf das Gehirn untersucht haben?

Besseres Gedächtnis dank Kaffee?

Bei meiner Recherche stoße ich schnell auf eine Studie der Wissenschaftlerin Karen Ritchie, die für das französische Gesundheitsforschungsinstitut INSERM arbeitet.2) In der Studie wurde die Auswirkung von Kaffee auf das Gedächtnis von 4.197 Frauen und 2.820 Männern untersucht. Das Ergebnis wird Frauen freuen:

Die Gedächtnisleistung von Frauen, die ihr Leben lang durchschnittlich drei Tassen Kaffee täglich tranken, ließ im Alter von über 65 Jahren weniger stark nach als bei Frauen, die keinen Kaffee tranken.

Bei den Männern konnte das Demenz-Risiko durch Kaffee und Koffein allerdings nicht gesenkt werden. Zu schade! Doch die Studie hat einige Schwächen und darauf weisen auch die beteiligten Forscher in ihrem Fazit hin, indem sie bemerken, dass noch weitere Forschung nötig ist. Gibt es also bereits bessere Forschungsergebnisse als diese?

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Meta-Analyse mit über 34.000 Studien-Teilnehmern

Nach gründlicher Recherche sticht eine große chinesische Meta-Analyse besonders heraus, die das Resultat von neun Studien mit insgesamt 34.282 Teilnehmern ausgewertet hat.1) Auch hier klingen die Ergebnisse vielversprechend: Die Studien-Teilnehmer, die ein bis zwei Tassen Kaffee täglich tranken, hatten ein geringeres Risiko für kognitive Störungen als diejenigen, die gar keinen oder mehr Kaffee tranken.

Das klingt doch wirklich gut oder nicht? Doch leider gibt es auch hier wieder einige Kritikpunkte: Zum Beispiel wurden die Teilnehmer der meisten Studien nur einmal am Anfang gefragt, wie viele Tassen Kaffee sie täglich trinken. Ob das der Wahrheit entsprach und ob die Studien-Teilnehmer ihren Konsum während des Untersuchungszeitraums nicht verändert haben, wurde nicht überprüft.

Warum es für einen Beweis (noch) nicht reicht

Das Design der bislang vorliegenden Studien ist nicht dazu geeignet, um etwas zu beweisen. Größtenteils handelt es sich nämlich um sogenannte prospektive Kohortenstudien, die lediglich Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung belegen können.

Das bedeutet einerseits, dass es zwar einen Zusammenhang zwischen einem geringeren Risiko für Demenz und ein bis zwei Tassen Kaffee täglich gibt, aber wir wissen nicht, ob der moderate Kaffee-Konsum auch wirklich die Ursache für das geringere Demenz-Risiko ist.

Wir wissen nicht, ob der moderate Kaffee-Konsum wirklich die Ursache für das geringere Demenz-Risiko ist.

Es könnte zum Beispiel sein, dass moderate Kaffee-Trinker auch sonst gesünder leben als diejenigen, die gar keinen Kaffee oder mehr als zwei Tassen am Tag trinken. Der Kaffee-Konsum könnte dabei nur ein zufälliges gemeinsames Merkmal sein, das in Wirklichkeit gar keine schützende Wirkung auf das Gehirn hat.

Die Sache mit den Tassen

Die Schwächen der Studien machen sich auch in ihren unterschiedlichen Angaben bemerkbar, wie viele Tassen Kaffee denn nun eine schützende Wirkung auf das Gedächtnis haben könnten: Mal sind es fünf Tassen, mal drei und mal ein bis zwei. In einer großen italienischen Studie hatten diejenigen, die mehr als ein bis zwei Tassen Kaffee am Tag tranken, sogar ein höheres Risiko für MCI — einer Vorstufe von Alzheimer und Demenz.5)

Das Problem dabei ist, dass “eine Tasse” keine Menge ist, die sich international gut vergleichen lässt. In Deutschland entspricht eine Tasse etwa 125 Millilitern, während darunter in den USA circa 236 Millilitern verstanden werden. Und auch für die Angabe der Kaffee-Dosis gilt, dass die bisherigen Studien nicht in der Lage sind, irgendetwas zu beweisen.

Fazit: Es gibt Hinweise, dass Kaffee vor Alzheimer schützen könnte — aber keine Beweise!

So ernüchternd das auch erst mal klingt, so spannend sind diese ersten Erkenntnisse: Zwar gibt es bislang keine Beweise und nur wenige gute Studien zur Schutzwirkung von Kaffee gegen Alzheimer. Dennoch zeigen die bisherigen Forschungsarbeiten Hinweise darauf, dass Kaffee und Koffein vor Demenz und Alzheimer schützen könnten. Bis wir das besser verstehen und genauer belegen können, sind noch weitere Studien nötig — aber bis dahin lasse ich mir meinen Kaffee weiter schmecken.

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Du willst eigentlich nur deinen morgendlichen Kaffee genießen, als deine Kollegin mit bedeutungsvoller Stimme erklärt: “Ich trinke ja keinen Kaffee mehr, weil der den Blutdruck erhöht und nicht gut fürs Herz ist.” Zum Glück springt dir ein Kollege bei: “Quatsch, es gibt Studien, die zeigen, dass Kaffee das Leben verlängert und vor Krebs schützt!” Jetzt bist du aber völlig verwirrt: Was stimmt denn nun?

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Quellen & Studien zu diesem Artikel:

  1. 1) Lei Wu et al. (2017): Coffee intake and the incident risk of cognitive disorders: A dose-response meta-analysis of nine prospective cohort studies. In: Clin Nutr. 2017 Jun; 36(3): S. 730-736.
    https://doi.org/10.1016/j.clnu.2016.05.015
  2. 2) Karen Ritchie et al. (2007): The neuroprotective effects of caffeine. A prospective population study (The Three City Study). In: Neurology. 2007 Aug 7; 69(6): S. 536-545.
    https://doi.org/10.1212/01.wnl.0000266670.35219.0c
  3. G.W.Arendash et al. (2006): Caffeine protects Alzheimer’s mice against cognitive impairment and reduces brain beta-amyloid production. In: Neuroscience. 2006 Nov 3; 142(4): S. 941-952.
    https://doi.org/10.1016/j.neuroscience.2006.07.021
  4. Hiroshi Yoshimura (2005): The Potential of Caffeine for Functional Modification from Cortical Synapses to Neuron Networks in the Brain. In: Curr Neuropharmacol. 2005 Oct; 3(4): S. 309–316.
    https://dx.doi.org/10.2174%2F157015905774322543
  5. 5) Vincenzo Solfrizzi et al. (2015): Coffee Consumption Habits and the Risk of Mild Cognitive Impairment: The Italian Longitudinal Study on Aging. In: Journal of Alzheimer’s Disease, 2015, Vol. 47,No. 4: S. 889-899.
    https://doi.org/10.3233/jad-150333
  6. C. Santos et al. (2010): Caffeine intake and dementia: systematic review and meta-analysis. In: J Alzheimers Dis. 2010;20 Suppl 1: S. 187-204.
    https://doi.org/10.3233/jad-2010-091387
  7. Y.-S. Kim et al. (2015): Caffeine intake from coffee or tea and cognitive disorders: a meta-analysis of observational studies. In: Neuroepidemiology. 2015; 44(1): S. 51-63.
    https://doi.org/10.1159/000371710
  8. QP Liu et al. (2016): Habitual coffee consumption and risk of cognitive decline/dementia: A systematic review and meta-analysis of prospective cohort studies. In: Nutrition. 2016 Jun;32(6): S. 628-636.
    https://doi.org/10.1016/j.nut.2015.11.015
  9. Chuanhai Cao et al.: Caffeine suppresses amyloid-beta levels in plasma and brain of Alzheimer’s disease transgenic mice. In: J Alzheimers Dis. 2009; 17(3): S. 681-697.
    https://dx.doi.org/10.3233%2FJAD-2009-1071
  10. Gary W. Arendash et al.: Caffeine reverses cognitive impairment and decreases brain amyloid-beta levels in aged Alzheimer’s disease mice. In: J Alzheimers Dis. 2009; 17(3): S. 661-680.
    https://doi.org/10.3233/jad-2009-1087

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