Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft - Was muss wirklich ergänzt werden?

Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln für Schwangere ist riesig. Oft wird der Eindruck erweckt, man müsse zahlreiche Nährstoffe ergänzen, um keine Unterversorgung zu riskieren. Doch Studien zeigen: Das trifft nur auf einige wenige Mikronährstoffe zu.

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Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft
(c) ready made | pexels
Ernährungsfakten wissenschaftlich mit Studien belegt

Dieser Beitrag beruht auf wissenschaftlich gesicherten Informationen.
✓ studienbasiert & unabhängig
✓ transparente Quellenangabe

Unterversorgt ohne Nahrungsergänzung?

Gerade in der Schwangerschaft möchte man alles richtig machen: Das heranreifende Kind im Mutterleib soll gut versorgt sein und alle Nährstoffe bekommen, die es braucht. Das wissen natürlich auch Unternehmen, die Nahrungsergänzungsmittel speziell für Schwangere anbieten. Wenn man sich deren Werbung und die Inhaltsstoffe für so manches Produkt genauer ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass man unzählige Mikronährstoffe ergänzen müsste und ansonsten eine Unterversorgung riskiert. Da fragt man sich doch, wie Frauen all die Jahrhunderte ohne diese Produkte gesunde Babys zur Welt bringen konnten.

Auch einige Ärzt*innen und Apotheker*innen raten oft zu teuren Nahrungsergänzungsmitteln, deren Liste an Inhaltsstoffen ganze DIN-A4-Seiten füllen kann. Die offizielle Handlungsempfehlung der Bundesregierung, die sich auf den neusten wissenschaftlichen Erkenntnisstand beruft, empfiehlt dagegen nur zwei Mikronährstoffe zur generellen Ergänzung: Folsäure und Jod. Bei allem anderen kommt es auf die individuelle Situation der Schwangeren an und viele Ergänzungen sind sogar komplett überflüssig oder sogar riskant.

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Von femibion bis Folio forte: Welche Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere sind wirklich empfehlenswert?

Wichtig: Folsäure vor und während der Schwangerschaft

Folsäure ist einer der beiden Mikronährstoffe, die in der Schwangerschaft generell ergänzt werden sollten. Das B-Vitamin ist vor allem an der Zellteilung und an Wachstumsprozessen beteiligt. Studien zeigen, dass das Risiko für kindliche Fehlbildungen des Nervensystems (Neuralrohrdefekte) in Verbindung mit der Einnahme von 400 µg Folsäure pro Tag sinkt um 71 Prozent.1) Deshalb empfiehlt die offizielle Handlungsempfehlung der Bundeszentrale für Ernährung schon ab der Kinderplanung 400 µg Folsäure täglich als Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen.2)

Wer später als vier Wochen vor der Empfängnis damit beginnt, sollte sogar 800 µg Folsäure pro Tag ergänzen3), um schneller die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Erythrozytenfolatkonzentrationen zu erreichen.22) In beiden Fällen sollte die Folsäure-Einnahme bis zum Ende des ersten Trimesters (Drittel der Schwangerschaftszeit) beibehalten werden und kann in Form von 400 µg Folsäure pro Tag bis zum Ende der Stillzeit fortgesetzt werden.

⟶ Mehr dazu liest du in unserem Artikel „Folsäure in der Schwangerschaft“.

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Jod muss ebenfalls ergänzt werden

Auch der Jod-Bedarf in der Schwangerschaft lässt sich nicht allein über die Ernährung decken. Dementsprechend empfiehlt die Bundeszentrale für Ernährung, dass Schwangere täglich 100 bis 150 µg Jod als Nahrungsergänzungsmittel einnehmen sollten.2) Bei einer Schilddrüsen-Erkrankung sollte vorher unbedingt Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden. Zusätzlich empfiehlt die Bundeszentrale für Ernährung regelmäßigen Verzehr von Milchprodukten und zwei Portionen gut durchgegarten Meeresfisch pro Woche. Wenn Salz verwendet wird, dann nur solches mit Jod-Zusatz.

Eisen: Nicht einfach so ergänzen!

Der Eisenbedarf verdoppelt sich in der Schwangerschaft von 15 mg auf 30 mg pro Tag.4) Ein Eisenmangel kann das Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht des Kindes erhöhen, was mit verschiedenen Komplikationen verbunden ist.5) Allerdings kann auch eine Überversorgung mit Eisen das Risiko für Frühgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht erhöhen.6), 7) Außerdem ist die Datenlage für eine generelle Eisen-Empfehlung für alle Schwangeren bislang nicht eindeutig.5), 8) Deshalb sollten Eisen-Nahrungsergänzungsmittel nicht eigenmächtig, sondern nur in Absprache mit dem Arzt eingenommen werden. Während der Schwangerschaftsuntersuchungen wird ohnehin der Hämoglobin-Wert gemessen, der Aufschluss über die Eisenversorgung gibt. Wird hier ein Mangel festgestellt, klärt der Arzt darüber auf und verschreibt meist Eisenpräparate.

Docosahexaensäure (DHA): Wenn kein Fisch gegessen wird

Die essentielle Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) kann der Körper nicht selbst bilden und muss daher über die Ernährung zugeführt werden. DHA ist in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft und in der Stillzeit wichtig für die Entwicklung von Gehirn und Sehkraft sowie für die Regulation von Entzündungs- und Abwehrreaktionen. Wer zwei Portionen (300-350 g) fetten Meeresfisch pro Woche isst, ist in der Regel gut versorgt. Wer jedoch keinen Fisch mag, der sollte täglich mindestens 200 mg DHA als Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen.2)

Schwangere Frau hält sich ihren Bauch und fragt sich, welche Nahrungsergänzungsmittel für sie wichtig sind
(c) Alicia Petresc | unsplash

Vitamin B12: Bei veganer Ernährung

Ein Mangel an Vitamin B12 in der Schwangerschaft kann zu neurologischen Störungen des Kindes führen. Die Zufuhr-Empfehlung von 3,5 µg Vitamin B12 pro Tag kann gut über tierische Lebensmittel gedeckt werden2), sodass ein Mangel auch nur bei etwa 5 % aller Schwangeren auftritt.9) Verzichten Schwangere jedoch darauf, weil sie sich zum Beispiel vegan ernähren, sollte der Tagesbedarf über Nahrungsergänzungsmittel gedeckt werden.

Zink: Besser über Ernährung abdecken

Zink spielt insbesondere beim Wachstum des Kindes eine wichtige Rolle, sodass ein Zinkmangel dazu führen kann, dass das Kind zu früh oder mit einem zu niedrigen Gewicht geboren wird. Die Zufuhr von 10 g Zink täglich über Nahrungsergänzungsmittel ist allerdings nur im Fall eines tatsächlichen Mangels sinnvoll. Denn normalerweise lässt sich die empfohlene Zink-Zufuhrgut gut über die Ernährung abdecken. Entsprechend ist ein Zinkmangel in der Schwangerschaft laut dem Forscher-Netzwerk Cochrane eher selten.10)

Vitamin D: Die Sonne macht's

Eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung in der Schwangerschaft steht mit einer Reihe von Komplikationen wie Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes und Frühgeburt im Zusammenhang. Vitamin D kann der Körper über die Sonneneinstrahlung auf der Haut selbst bilden. Wer allerdings nicht viel Sonne abbekommt, sollte seinen Vitamin-D-Spiegel untersuchen lassen: Studien weisen darauf hin, dass zwischen 30 und 80 Prozent der Schwangeren und Stillenden in Mitteleuropa nicht gut mit Vitamin D versorgt sind.11) Bei Frauen, die in den Wintermonaten schwanger sind, oder nicht genug Zeit im Freien verbringen, empfiehlt sich eine Zufuhr von 20 µg (800 IE) Vitamin D pro Tag. Die Nahrungsergänzung mit Vitamin D in der Schwangerschaft gilt als sicher.12)
Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft
(c) pixabay

Calcium: Muss nicht ergänzt werden

Es gibt einige Mikronährstoffe, die in so manchem Kombi-Präparat enthalten sind – in der Regel aber vollkommen unnötig sind. Calcium ist so ein Kandidat: Für den Knochenaufbau des Kindes ist es zwar sehr wichtig, doch der Calcium-Bedarf in der Schwangerschaft steigt nicht wirklich, da das Calcium aus der Nahrung besser aufgenommen werden kann. Lediglich in Regionen, in denen wenig Calcium über die Ernährung aufgenommen wird, ist eine Nahrungsergänzung mit Calcium sinnvoll, um die schwerwiegenden Folgen einer Präeklampsie zu reduzieren.14)

Vitamin C, E und A - Ergänzung nicht sinnvoll

Auch eine Nahrungsergänzung mit Vitamin C ist bei einer gesunden Ernährung absolut unnötig: In Studien konnte zusätzliches Vitamin C das Risiko für typische Komplikationen in der Schwangerschaft nicht senken.15) Das trifft ebenso auf Vitamin E zu, hier traten dafür häufiger Unterleibsschmerzen und vorzeitige Blasensprünge auf.16)

Vitamin A ist wichtig für das Wachstum des Embryos, der Bedarf lässt sich aber gut über die Ernährung decken. Eine Nahrungsergänzung kann auch deshalb problematisch sein, weil eine Überdosis ebenso zu Fehlbildungen beim Kind führen kann wie ein Mangel. Auf Lebensmittel mit sehr hohem Vitamin-A-Gehalt wie Leber oder Lebertran sollte in der Schwangerschaft daher auch verzichtet werden. Als sichere Obergrenze gelten hier 3.000 μg Retinoläquivalent pro Tag.17)

Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft
(c) Nataliya Vaitkevich | pexels

Vitamin B6 - Studienlage mangelhaft

Die Studien-Lage für die Nahrungsergänzung mit Vitamin B6 ist noch mangelhaft. Die orale Einnahme von Vitamin B6 führte in früheren Studien zu weniger Karies bei schwangeren Frauen.18) Für schwangerschaftsbedingte Erkrankungen konnte ansonsten aber keine positive Wirkung festgestellt werden: Weder das Risiko einer Eklampsie (Krampfanfälle) noch das einer Präeklampsie konnte durch eine Nahrungsergänzung mit Vitamin B6 verringert werden.18) Für andere Risiken wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Fehlbildungen des Herzens, neurologische Entwicklung und Frühgeburten ist die aktuelle Forschung noch nicht ausreichend.

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Quellen & Studien zu diesem Artikel

  • 1) Czeizel AE, Dudás I, Paput L, Bánhidy F. Prevention of neural-tube defects with periconceptional folic acid, methylfolate, or multivitamins? Ann Nutr Metab. 2011 Oct; 58 (4): 263-71. DOI: 10.1159/000330776
  • 2) Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft – Handlungsempfehlungen. 2. Auflage, 2018. Online (zuletzt abgerufen: 12.08.2021)
  • 3) Brämswig S, Prinz-Langenohl R, Lamers Y, Tobolski O, Wintergerst E, Berthold HK, Pietrzik K. Supplementation with a multivitamin containing 800 microg of folic acid shortens the time to reach the preventive red blood cell folate concentration in healthy women. Int J Vitam Nutr Res. 2009 Mar; 79 (2): 61-70. DOI: 10.1024/0300-9831.79.2.61
  • 4) Prof. Dr. Helmut Heseker, Dipl. oec. troph. Beate Heseker: Die Nährwerttabelle. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V., 6. Auflage. Wiesbaden 2019/2020.
  • 5) Peña-Rosas JP, De-Regil LM, Garcia-Casal MN, Dowswell T. Daily oral iron supplementation during pregnancy. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Jul 22;(7): CD004736. DOI: 10.1002/14651858.cd004736.pub5
  • 6) Milman N. Oral iron prophylaxis in pregnancy: not too little and not too much! J Pregnancy. 2012; 2012: 514345. DOI: 10.1155/2012/514345
  • 7) Hwang, JY., Lee, JY., Kim, KN. et al. Maternal iron intake at mid-pregnancy is associated with reduced fetal growth: results from Mothers and Children’s Environmental Health (MOCEH) study. Nutr J 12, 38 (2013). DOI: 10.1186/1475-2891-12-38
  • 8) Vucic V, Berti C, Vollhardt C, Fekete K, Cetin I, Koletzko B, Gurinovic M, van’t Veer P. Effect of iron intervention on growth during gestation, infancy, childhood, and adolescence: a systematic review with meta-analysis. Nutr Rev. 2013 Jun; 71 (6): 386-401. DOI: 10.1111/nure.12037
  • 9) Corinna Koebnick, Ulrike A. Heins, Ingrid Hoffmann, C. Leitzmann: Die Bedeutung von Vitamin B12 in der Schwangerschaft und daraus resultierende Empfehlungen für die Schwangerschaftsvorsorge. In: Geburtshilfe Frauenheilkd. 2002; 62 (3): 227-233. DOI: 10.1055/s-2002-25217
  • 10) Carducci B, Keats EC, Bhutta ZA. Zinc supplementation for improving pregnancy and infant outcome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 3. Art. No.: CD000230. DOI: 10.1002/14651858.CD000230.pub6
  • 11) Dr. Alexander Ströhle, Dr. Andreas Hahn: Vitamin D in der Schwangerschaft – Ein zwischneidiges Schwert? Bundeszentrale für Ernährung, 2018. Online (Zuletzt aufgerufen: 12.08.2021).
  • 12) Palacios C, Trak‐Fellermeier MA, Martinez RX, Lopez‐Perez L, Lips P, Salisi JA, John JC, Peña‐Rosas JP. Regimens of vitamin D supplementation for women during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 10. Art. No.: CD013446. DOI: 10.1002/14651858.CD013446
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  • 14) Hofmeyr GJ, Lawrie TA, Atallah ÁN, Torloni MR. Calcium supplementation during pregnancy for preventing hypertensive disorders and related problems. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 10. Art. No.: CD001059. DOI: 10.1002/14651858.CD001059.pub5
  • 15) Rumbold A, Ota E, Nagata C, Shahrook S, Crowther CA. Vitamin C supplementation in pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 9. Art. No.: CD004072. DOI: 10.1002/14651858.CD004072.pub3
  • 16) Rumbold A, Ota E, Hori H, Miyazaki C, Crowther CA. Vitamin E supplementation in pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 9. Art. No.: CD004069. DOI: 10.1002/14651858.CD004069.pub3
  • 17) McCauley ME, van den Broek N, Dou L, Othman M. Vitamin A supplementation during pregnancy for maternal and newborn outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 10. Art. No.: CD008666. DOI: 10.1002/14651858.CD008666.pub3
  • 18) Salam RA, Zuberi NF, Bhutta ZA. Pyridoxine (vitamin B6) supplementation during pregnancy or labour for maternal and neonatal outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 6. Art. No.: CD000179. DOI: 10.1002/14651858.CD000179.pub3
  • 19) Stiftung Warentest: Nahrungs­ergän­zungs­mittel für Schwangere: Gut versorgt ab 7 Cent. test 06/2019, S. 90-93.
  • 20) Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere. Marktcheck der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg e. V., Stuttgart 2020. Online (zuletzt abgerufen: 15.08.2021)
  • 21) Keats EC, Haider BA, Tam E, Bhutta ZA. Multiple‐micronutrient supplementation for women during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 3. Art. No.: CD004905. DOI: 10.1002/14651858.CD004905.pub6
  • 22) Cordero AM, Crider KS, Rogers LM, Cannon MJ, Berry RJ. Optimal serum and red blood cell folate concentrations in women of reproductive age for prevention of neural tube defects: World Health Organization guidelines. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2015 Apr 24; 64 (15): 421-3. PMID: 25905896; PMCID: 5779552

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Aktualisiert am 15.09.2021